Mit der Kampagne WOMAN FIRST stellt pjur selbstbestimmte weibliche Sexualität in den Mittelpunkt: Denn leider ist genau das – dass Frauen ihre Sexualität selbst bestimmen – auch 2026 längst nicht überall selbstverständlich. Vor allem weibliche Sexualität wird noch immer abgewertet, wenn sie sich nicht bestimmten Erwartungen unterordnet.
Wir finden, alle Frauen sollten ihre Sexualität nach ihren eigenen Wünschen leben dürfen, ohne dafür moralisch verdammt zu werden oder sich für ihre Lebensweise rechtfertigen zu müssen.
Im Rahmen dieser Kampagne haben wir deshalb auch Lilli interviewt: Während sie einerseits „ganz normal“ Sexualität als Privatperson lebt, setzt sie ihr Wissen und Einfühlungsvermögen rund um Körper und Intimität auch dafür ein, Geld zu verdienen – in einem Job der sich für sie finanziell lohnt:
Das Gespräch mit Lilli zeigt, dass selbstbestimmte Sexualität viele Formen haben kann und diese, solange sie auf Konsens beruht, nicht unbedingt für alle und jeden nachvollziehbar sein muss, um ihre Daseinsberechtigung zu haben.
Über Sexarbeit wird politisch und gesellschaftlich viel gesprochen, die Arbeit gilt nach wie vor in den meisten Köpfen als unanständig oder als unfreiwilliger letzter Ausweg.
In diesem Interview wurde uns wieder bewusst, dass es gerade bei polarisierenden Themen besonders wichtig ist, mit den Menschen selbst zu sprechen anstatt nur über sie.
Der Berufsverband Sexarbeit, bei dem Lilli Mitglied ist, setzt sich seit 2013 für eine Verbesserung der Arbeitsumstände von Sexarbeitenden sowie für faire Gesetze und eine Entstigmatisierung des Berufsfelds ein – deutschlandweit. Hier liest du mehr über den Verband und warum es lohnt, dessen ehrenamtliche Arbeit zu unterstützen.
Wenn man Lilli auf der Straße sieht, würde man nie darauf kommen, wie sie während ihrer Arbeitszeit aussieht. Keine Strapse, kein Korsett, keine High Heels, ungeschminkt und kurze Nägel. „Mein Stil ist Waldzwerg“, sagt sie und grinst. Erd- und Grüntöne, flache Stiefel, Zipfelärmel, Hoodies.
Privat ist sie introvertiert, Energie tankt sie durch Allein-Zeit. „Ich bin definitiv ein Drinnie“, sagt sie und verweist auf den Podcast von Giulia Becker und Chris Sommer. Ihr Zimmer ist ein kleiner Pflanzenurwald, den Schreibtisch hat sie schon vor Jahren gegen einen Schaukelstuhl mit Laptophalterung eingetauscht. Sie entspannt beim Kreuzworträtseln.
Die gleiche Frau verdient seit mehr als einem Jahrzehnt ihr Geld als Sexarbeiterin und ist Mitglied beim BesD e.V. – dem einzigen Berufsverband in Deutschland, der sich für die Rechte von Sexarbeiter*innen und faire Prostitutions-Gesetze einsetzt.

Adrenalin pur: Der erste Termin mit einem Kunden
Als Lilli mit Ende 20 in die Sexarbeit eingestiegen ist, war das kein Drama, sondern eine ziemlich nüchterne Entscheidung. Ihr normales Gehalt reichte für Miete und Alltag, aber Sparen war praktisch nicht drin.
„Ich hatte ein paar Sexworkerinnen im Bekanntenkreis, für mich war das nie etwas Anrüchiges. Sex sehe ich immer schon eher als erlernbaren Skill – solange alles einvernehmlich und respektvoll abläuft, finde ich nichts dabei, das auch mit Menschen zu teilen, mit denen mich sonst nichts verbindet.“ erzählt sie.
Also schreibt sie eine ihrer Bekannten an, bekommt die Nummer einer Escort-Agenturchefin und trifft sich mit ihr im Café. „Es war extrem aufregend, aber sie war super sympathisch und hat alle meinen Fragen sehr offen beantwortet.“ Zur Sicherheit covern sie beim ersten Termin zusätzlich zwei Freundinnen – nicht nur die Agentur weiß, wo sie ist.
Sie erinnert sich an den ersten Kunden: Normal, nett, sie besprechen erstmal in Ruhe alles, bevor es zur Sache geht. Der Sex selbst war „ganz normal, nichts Außergewöhnliches.“
„Ich war unfassbar nervös davor, aber danach war ich sehr zufrieden mit mir und hatte 800 Euro in der Tasche.“ 30 % gehen an die Agentur für Vermittlung und Werbung, aber es ist trotzdem mehr Geld als sie jemals sonst in zwei Stunden verdient hat.

Normaler Job versus Sexarbeit: Wo nerven die Kunden mehr?
Wenn Lilli nicht als Sexarbeiterin arbeitet, schreibt sie Texte gegen Geld. „Leider ist das längst nicht so gut bezahlt“, sagt sie trocken. Und: Die Kund*innen seien oft anstrengender.
„In der Sexarbeit sind mir die meisten Kunden extrem dankbar, dass ich mir Zeit für sie nehme. Sie freuen sich vorher und sind hinterher glücklich. Als Texterin bekomme ich eher das Anspruchsdenken zu spüren: ‚Ich bezahle – du hast zu liefern.‘“
„In den meisten Berufen bestimmt der Kunde, was geht und Unternehmen sind der Meinung, sie können dich ersetzen. In diesem Job biete ich eine sowohl intime als auch sehr individuelle Dienstleistung an, und zwar immer zu meinen Konditionen. Das gefällt mir.“
Unabhängigkeit ist ihr wichtig, klassisches 9 to 5 im Büro hat sie früher gelebt und sich letztendlich ganz dagegen entschieden. „Als Selbstständige arbeite ich in der Praxis zwar oft mehr und länger, aber dafür gehört meine Zeit auch mir und ich bestimme, wohin ich meine Energie lenke.“
„Ich würde mich immer für den Gangbang entscheiden“: Emotionsarbeit als heimliche Burnout-Gefahr
Früher hat Lilli auch Overnights und die volle „Girlfriend-Experience“ angeboten: schick essen gehen, die klassische Verführung an der Bar, mehrere Runden Sex, übernachten, Guten-Morgen-Sex. „Ich bin ein Morgenmuffel und die schauspielerische Leistung, so zu tun, als wäre ich nicht genervt, sondern erregt, hat mich wahnsinnig ausgelaugt.“
Es sind nicht die sexuellen Praktiken, die sie müde machen, sondern die Dauer von dem, was sie Emotionsarbeit nennt. „Die vielen Gespräche, das ständige Aufmerksamkeit-Halten, immer charmant sein, immer präsent bleiben.“ Nach solchen langen Dates fühlte sich das hohe Honorar nur noch wie Schmerzensgeld an: „Ich hatte danach erstmal eine Woche auf nichts mehr Bock.“
Dann sagt sie einen Satz, der bei vielen Nicht-Sexworkern wohl für Schnappatmung sorgen würde: „Wenn ich die Wahl hätte zwischen einem kommerziellen Gangbang mit zehn Männern und nach vier Stunden nach Hause gehen oder vier Stunden mit einem Mann flirten, plaudern, essen und Sex haben, fürs gleiche Geld – ich würde IMMER den Gangbang nehmen.“
Viele Kolleginnen sehen das ähnlich, erzählt sie. „Aber für Menschen, die nicht in der Sexarbeit sind, klingt das oft total schräg.“
„Es besteht oft ein völlig verqueres Bild von Sexarbeit“
Seit dem Prostituiertenschutzgesetz, das 2017 in Kraft getreten ist, sind sogenannte Gangbang-Parties übrigens verboten, angeblich weil sie menschenunwürdig oder frauenfeindlich seien.
Lilli hat dazu eine klare Meinung:
„Menschen, die nicht selbst in der Sexarbeit tätig sind, haben oft ein völlig verqueres Bild davon. Jemand, der statistisch gesehen wahrscheinlich hetero, monogam und nur bei ausgeschaltetem Licht sexuell aktiv ist, kann sich in den meisten Fällen nicht mal vorstellen, mit jemandem ins Bett zu hüpfen, den diese Person nicht liebt. Geschweige denn sich dafür bezahlen zu lassen. Wenn solche Menschen dann noch komplexe Zusammenhänge rund um Konsens, Freiwilligkeit im Kapitalismus und das Recht auf freie Berufswahl verstehen sollen, kommen unfaire Sondergesetze für uns Sexworker dabei raus. Im schlimmsten Fall ein Sexkaufverbot! Deshalb ist es mir auch so wichtig, dass wir in Deutschland mit dem Berufsverband eine echte Stimme haben.“
Im BDSM-Studio: Professionelle Sub und Switcherin
Heute arbeitet Lilli vor allem als professionelle Sub und Switcherin, manchmal alleine, manchmal zusammen mit einer dominanten Kollegin. „Ich biete im Grunde alles an, was ich im Rahmen des jeweiligen Treffens machen will“, beschreibt sie.
Grundsätzlich gehören Geschlechtsverkehr, Oralverkehr und Küssen für sie zu einem Termin dazu – außer es gibt Gründe, das in der Situation nicht zu wollen. „Wenn ich zum Beispiel jemanden nicht gut riechen kann, vermeide ich Zungenküsse“, sagt sie.
Die BDSM-Komponente ist sehr individuell, je nachdem, was Kund*innen sich wünschen. „Ich bin da stufenlos regelbar“, sagt sie. „Ich kann die devote Sklavin sein oder auch verspielt dominant. Vor allem Rollenspiele mit Ageplay oder Petplay machen mir großen Spaß, aber ich mag auch sinnliches Flogging und Rohrstöcke.“

(c) Ben Nordmann / justnotbed.com
Was macht einen guten Sexwork-Kunden aus?
Lillis Kund*innen sind unterschiedlich. Die meisten sind Männer, ab und zu kommt eine Frau oder auch ein Paar. Was für sie einen guten Kunden ausmacht?
„Hauptsache, der Kunde kennt den Unterschied zwischen Realität und Fantasie sowie zwischen Dienstleistung und privater Beziehung“, sagt sie. Das merke sie oft schon in den Mails im Vorfeld, spätestens aber in der persönlichen Interaktion. Und sie sagt: „Ich kann mich gut in Menschen hineinversetzen und recht genau einschätzen, was sie sich wünschen, aber man muss mir zumindest in Grundzügen kommunizieren können, in welche Richtung es gehen soll.“
Egal, in welcher BDSM-Rolle sie agiert, als Dienstleisterin hat Lilli am Ende die Kontrolle. „Als Dienstleisterin habe ich immer die Hosen an und das letzte Wort. Ein schlauer Kunde lässt mich eine verführerische Fantasiewelt speziell für ihn aufbauen, die seine Bedürfnisse befriedigt, während er mich gleichzeitig subtil führen und lenken lässt. So sind am Ende alle zufrieden.“
Polyamore Pillow Princess
Lilli lebt polyamor, mit mehreren festen Beziehungen gleichzeitig. „Die jüngste Beziehung läuft seit etwa sieben Jahren, die älteste seit ungefähr fünfzehn“, erzählt sie. Sie wohnt mit zwei ihrer Lebensgefährt*innen zusammen, alle wissen alles über ihre Arbeit.
Spannend: Privat ist sie am liebsten sehr passiv. „Ich habe mal den Begriff Pillow Princess auf Reddit gelesen, den eigne ich mir jetzt einfach mal an“, sagt sie lachend. „Im Beruf bin ich die Aktive, die das Geschehen vorantreibt und leider auch die, die beim Sex meistens oben sein muss. Aber für Geld ist das okay.“
Die jüngeren volljährigen Familienmitglieder wissen über ihren Beruf Bescheid, die älteren nicht. „Es gibt so viele Vorurteile rund um Zwang und Gewalt. Ich möchte nicht, dass sie sich Sorgen um mich machen.“

(c) BesD e.V. 15.08.2019 Hurenkongress
Warum ihre Mitgliedschaft beim Berufsverband für sie wichtig ist
Lilli ist Mitglied beim BesD e.V., dem Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen. Der Verband ist ausschließlich selbstorganisiert von Sexworker:innen und der größte seiner Art in Europa.
„Trotzdem ist es ein ständiger Kampf gegen Vorurteile, Fake News und Prostitutionsgegner“ seufzt sie. „Ich bin überzeugt, wenn es den BesD nicht gäbe, der über die Jahre ständig laut dagegen gehalten hat, hätten konservative Politikerinnen hierzulande schon fröhlich ein Sexkaufverbot eingeführt. Wir tauschen uns auch international aus und wissen, wie die Kolleginnen in Frankreich und Irland unter den Anti-Prostitutionsgesetzen leiden.“
Lilli findet es wesentlich, dass Beratungsstellen Menschen in prekären Situationen unterstützen und dass die Behörden hart gegen sexuelle Ausbeutung, Menschenhandel und Zuhälterei vorgehen. „Aber ich will, dass sich auch jemand proaktiv dafür einsetzt, dass keine Gesetze auf den Rücken von Sexarbeiter*innen und zu unserem Schaden gemacht werden. Es ist schlimm genug, was das Prostituiertenschutzgesetz hier angerichtet hat – Stichwort Zwangsberatung und Hurenausweis. Aber ich hoffe, dass es durch die Evaluation bald zu Verbesserungen kommt.“
Über den Verband hat Lilli auch viel Kontakt zu Kolleg*innen in ganz Deutschland bekommen.
„Es gibt interne Telegram-Gruppen, Workshops, in denen Sexworker einander etwas beibringen, Räume für Austausch ohne Stigma. „Die Möglichkeit, wirklich nur unter Kolleginnen offen über den Job reden zu können oder Fragen zu stellen, ohne verurteilt zu werden, das tut gut.“
Hast du als Profi Sextipps für unsere Leser*innen?
Lilli denkt kurz nach, dann sagt sie: „Vielleicht das hier: Es ist okay, im Bett das zu tun, wonach dir ist. Wenn du denkst, du bist pervers oder irgendwas stimmt nicht mit dir, dann kannst du ziemlich sicher davon ausgehen, dass es ganze Pornoseiten zu deiner Phantasie gibt. Du bist sehr wahrscheinlich nicht allein.“
Genauso wichtig findet sie Konsens und persönliche Grenzen. „Lass dich zu nichts drängen, worauf du nicht richtig Bock hast. Du musst nicht alles ausprobieren und keinen Trend mitmachen.“
„In den letzten Jahren lese ich leider sehr häufig von jungen Leuten, die plötzlich und ohne Absprache mit Edge-Play wie Atemkontrolle und besonders Würgen konfrontiert werden und sich fragen, ob das okay ist, weil sie es ja im Porno gesehen haben. Als BDSMerin die privat selbst extrem spielt, kann ich dir sagen: Es ist nicht okay und brandgefährlich. Den Hals abzudrücken ist eine unsichere Praktik, die zu schlimmen Verletzungen und Tod führen kann. Du bist zuallererst immer dafür verantwortlich, gut für dich zu sorgen und das zu tun, was dir guttut. Das gilt für Sex und anderswo. Wer was anderes sagt, will dich manipulieren.“
Abschließende Worte?
„Ich mache Sexarbeit für Geld“, sagt sie. „So wie ich vorher in anderen Jobs für Geld gearbeitet habe. Nur mit dem Unterschied: Hier passt der Job noch besser zu mir. Und meine Kund*innen sind meistens deutlich dankbarer.
Weil ich diese Arbeit weiter legal machen will, solange ich Bock darauf habe, bin ich Mitglied beim BesD und stärke dadurch den Verband. Ich empfehle deshalb auch von Herzen allen Kolleg*innen die Mitgliedschaft – egal wo ihr arbeitet. Je mehr wir sind, desto mehr hört man uns zu. Ich denke wir alle wünschen uns Sicherheit und Rechte und weniger Verurteilung unserer Arbeit – und der BesD setzt sich genau dafür ein.“
Über Lilli

(c) Lilli
Lilli ist Anfang 40 und lebt in einer deutschen Großstadt. Neben anderen „bürgerlichen“ Tätigkeiten verdient sie seit etwa zwölf Jahren regelmäßig in der Sexarbeit ihr Geld. Sie hat dabei Erfahrungen in verschiedenen Bereichen der Branche – als klassisches Escort mit Hotelbesuchen und Übernachtungen, abendweise in Clubs, sowie in BDSM-Studios/Apartments in dominanten und submissiven sexuellen Rollenspielen. Sie ist seit vielen Jahren Mitglied beim BesD e.V. – dem Berufsverband für Sexarbeiter*innen in Deutschland. Gemeinsam mit Kolleg*innen aus ganz Deutschland setzt sie sich dafür ein, dass Gesetze rund um Prostitution nicht über die Köpfe der Betroffenen hinweg gemacht werden und dass Vorurteile und Verurteilung gegenüber sexuellen Dienstleistungen und den Menschen die sie anbieten, endlich abnehmen.
Im Berufsverband für erotische und sexuelle Dienstleistung – kurz: BesD – setzen sich Sexarbeitende selbst für eine Verbesserung der Arbeitsumstände sowie für faire Gesetze und eine Entstigmatisierung des Berufsfelds ein. Hier erfährst du mehr über den Verband und warum es lohnt, dessen ehrenamtliche Arbeit zu unterstützen: www.berufsverband-sexarbeit.de
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