Ist Monogamie noch zeitgemäß? Hayley Folk über Vertrauen, Liebe und Selbstbestimmung
Seit Generationen gilt Monogamie als das natürliche Fundament von Liebe und Partnerschaft. Von Märchen über Hochzeitsrituale bis hin zu gesellschaftlichen Erwartungen – die Vorstellung, ein Leben lang mit einer einzigen Person zu verbringen, ist tief verankert. Doch die moderne Realität sieht anders aus. Beziehungen wandeln sich, genauso wie die Menschen, die sie führen. Dating-Apps, veränderte Geschlechterrollen und eine offenere Haltung gegenüber Sexualität und Identität sorgen dafür, dass immer mehr Menschen sich fragen, ob Monogamie wirklich das einzige Beziehungsmodell ist, das funktioniert.
Eine, die genau darüber spricht, ist Hayley Folk, Autorin, Redakteurin und Content Creator aus Brooklyn, New York. Sie ist verheiratet, bisexuell und polyamor und lebt seit fast einem Jahrzehnt in ethisch nicht-monogamen Beziehungen. Privat wie beruflich beschäftigt sie sich intensiv mit der Frage, was Liebe, Vertrauen und Verbindlichkeit heute bedeuten. Mit ihrer Plattform The Poly Pocket schafft sie einen Raum für Aufklärung, Austausch und Unterstützung, vor allem für Frauen und nicht-binäre Personen, die ihre eigenen nicht-monogamen Erfahrungen bewusst und respektvoll gestalten möchten.

„Ich glaube, immer mehr Menschen erkennen, dass es nicht nur einen Weg gibt zu lieben“, sagt Hayley. „Für mich bedeutet eine offene Beziehung nicht, eine Partnerschaft durch eine andere zu ersetzen. Es geht darum, ehrlich zu mir selbst zu sein und zu spüren, welche Art von Liebe sich für mich richtig anfühlt.“
Ihre Geschichte steht sinnbildlich für einen gesellschaftlichen Wandel. Beziehungen werden heute nicht mehr allein durch Exklusivität definiert, sondern durch Authentizität, Kommunikation und gemeinsames Wachstum.
Liebe jenseits des Entweder-oder
Monogamie und Polyamorie werden oft als Gegensätze verstanden. Für Hayley ist die Wahrheit jedoch vielschichtiger. Während Monogamie auf romantische Exklusivität setzt, öffnet Polyamorie den Raum für Liebe in mehreren Verbindungen, ohne die Tiefe einer einzelnen Beziehung zu schmälern. Es geht nicht um ein Entweder-oder, sondern um das Anerkennen der Vielfalt menschlicher Beziehungen.
„Viele Menschen denken, Poly zu sein bedeutet einfach, mehrere Beziehungen gleichzeitig zu führen“, erklärt Hayley. „Aber per Definition bedeutet Polyamorie, dass jemand grundsätzlich die Fähigkeit hat, mehrere Menschen romantisch zu lieben.“
Diese Perspektive stellt die Vorstellung infrage, dass Liebe eine begrenzte Ressource ist. Für Hayley ist Liebe etwas, das wächst, wenn sie mit Ehrlichkeit, Empathie und Respekt gelebt wird. Es geht nicht um Abwechslung oder um das Fliehen vor Verantwortung, sondern um die Erkenntnis, dass Nähe, Intimität und Vertrauen viele Ausdrucksformen haben können.
In ihrer eigenen Ehe lebt sie diese Haltung von Beginn an. „Mein Mann und ich sind beide polyamor und daten sowohl gemeinsam als auch getrennt“, erzählt sie. „Im Gegensatz zu vielen Paaren, die ihre monogame Ehe später öffnen, haben mein Mann Kyle und ich ethische Nicht-Monogamie praktiziert, seit wir zusammen sind.“
Was in Hayleys Geschichte auffällt, ist kein Bruch mit Verbindlichkeit, sondern deren bewusste Neudefinition. „Wir besitzen einander nicht“, sagt sie. „Wir wählen uns immer wieder aufs Neue.“ Ihre Beziehung basiert auf Vertrauen und ehrlicher Kommunikation statt auf Regeln und Verboten. Für sie ist das der Beweis, dass Freiheit und Sicherheit sich nicht ausschließen müssen, wenn sie auf Achtsamkeit beruhen.
Selbstfindung und der Weg zur Polyamorie
Hayleys Weg zur Polyamorie war ein Prozess der Selbstfindung. Aufgewachsen in einem baptistischen Umfeld, folgte sie zunächst einem klassischen Lebensplan, heiratete jung und erfüllte die Erwartungen an ein konventionelles Leben. Doch unter der Oberfläche spürte sie, dass etwas fehlte, ein Teil ihrer Identität, der sich noch nicht entfalten durfte.
„Mit 21 habe ich einen Mann geheiratet, mit dem ich schon einige Jahre zusammen war. Kaum zu glauben, aber ich war ein konservatives College-Girl. In dieser Welt gilt das College als Ort, an dem junge Christinnen und Christen ihren zukünftigen Partner finden: Geh aufs College, triff den Menschen, den du heiraten wirst, heirate jung. Das nennt man bei uns ‚Ring by Spring‘. Und genau das ist mir passiert.“
Damals folgte sie dem, was erwartet wurde, einem Weg, der Stabilität und Zugehörigkeit versprach. Doch bald merkte sie, dass ihr Inneres nicht mit dem Leben übereinstimmte, das sie führte.
„Ein Jahr bevor wir geheiratet haben, wurde mir etwas Entscheidendes klar: Ich bin bisexuell. Mein Ex-Mann schlug vor, unsere Beziehung zu öffnen, damit ich diese Seite meiner Sexualität erkunden konnte. Kurz darauf verliebte ich mich in eine Frau, die ich datete. Das war der Zeitpunkt, an dem ich Polyamorie für mich entdeckt habe.“
Es war ein einziger Moment, der alles veränderte. „Unsere Ehe hat natürlich nicht gehalten, nicht nur, weil er merkte, dass er monogam ist und ich nicht, aber sie hat mir unglaublich viel über mich selbst beigebracht. Kurz darauf bin ich nach New York gezogen und fing an zu daten. Dabei wurde mir klar, dass ich ein polyamores Beziehungsmodell brauche, um mich wirklich erfüllt zu fühlen.“
New York wurde für sie der Beginn eines neuen Kapitels, eines, das auf Ehrlichkeit und Selbstakzeptanz basierte. „Ich erinnere mich genau an den Moment, als ich es zum ersten Mal offen aussprach. Ich war mit einer Frau unterwegs, die ich locker datete. Wir tranken Champagner in einer Rooftopbar, sahen den Sonnenaufgang, und ich sagte zu ihr: ‚Ich bin polyamor und ich muss mir diese Beziehungsform erlauben.‘ Von da an habe ich allen, mit denen ich Dates hatte, direkt gesagt, dass ich polyamor bin. Es war sowohl eine bewusste Entscheidung als auch ein tiefes Bedürfnis.“
Diese Erfahrung wurde zum Wendepunkt in Hayleys Leben und zum Ausgangspunkt eines neuen Verständnisses von Authentizität. Was als persönlicher Erkenntnisprozess begann, wurde zu einem Lebensmodell, das auf Ehrlichkeit und Bewusstsein basiert – mit sich selbst und mit anderen.

Missverständnisse rund um Polyamorie
Trotz zunehmender Sichtbarkeit wird Polyamorie oft missverstanden. Viele setzen sie mit Untreue gleich oder betrachten sie als rein sexuelle Lebensweise. Hayley begegnet diesen Vorurteilen regelmäßig und spricht offen über die Realität.
„Die größten Missverständnisse über Polyamorie sind meiner Meinung nach zwei Dinge: dass sich Polyamorie nur um Sex dreht und dass sie bedeutet, wahllos zu daten.“
Für sie ist Polyamorie eine bewusste, emotionale und oft tiefgehende Form von Beziehung. „Es geht nicht darum, möglichst viele Partner zu haben. Es geht darum, Beziehungen zu führen, die ehrlich, ethisch und von Kommunikation geprägt sind. Manche Menschen leben mehrere romantische Beziehungen, andere haben vielleicht nur ein oder zwei bedeutsame Verbindungen. Es gibt keine feste Formel.“
Sie betont auch, dass Polyamorie nur eine Form von ethischer Nicht-Monogamie ist. „Polyamorie ist eine Form ethischer Nicht-Monogamie neben offenen Beziehungen oder Swinging“, erklärt sie. „Ethisch wird sie durch Kommunikation, Zustimmung und gegenseitigen Respekt.“
Diese Haltung ist für Hayley zentral. Es geht nicht darum, Regeln zu brechen, sondern um bewusste Entscheidungen, Verantwortung und gegenseitige Achtung.
Eifersucht, Ehrlichkeit und Kommunikation
Eifersucht ist eines der Themen, die Menschen am meisten beschäftigen, wenn sie über Polyamorie sprechen. Wie kann man jemanden teilen und sich dabei sicher fühlen? Hayley hat eine klare Antwort: durch Kommunikation.
„Eifersucht ist eine menschliche Emotion“, sagt sie. „Wir alle erleben sie, egal welche Beziehungsform wir leben. Der Unterschied liegt darin, wie wir damit umgehen.“
Anstatt Eifersucht zu verdrängen, sieht Hayley sie als Einladung zur Reflexion. „Kommunikation ist bei polyamoren Beziehungen das A und O. Ich möchte behaupten, dass mein Mann und ich schon fast zu viel kommunizieren, aber nur um sicherzugehen, dass wir wirklich alles besprochen haben“, erzählt sie mit einem Lächeln. „Wir halten regelmäßig miteinander Rücksprache, nicht aus Unsicherheit, sondern um in Verbindung zu bleiben und uns gegenseitig wahrzunehmen.“
Diese Offenheit ist für sie der Schlüssel zu einer stabilen Beziehung. Sie verhindert Missverständnisse, schafft Vertrauen und fördert emotionale Nähe. „Die Fähigkeiten, die wir in polyamoren Beziehungen entwickeln – Kommunikation, Selbstreflexion, Empathie – stärken jede Art von Partnerschaft.“

Sind Menschen von Natur aus monogam?
Die Vorstellung, dass Menschen von Natur aus monogam sind, hält sich hartnäckig. Doch Hayley sieht das differenzierter.
„Das mag kontrovers klingen, aber ich glaube nicht, dass alle Menschen von Natur aus monogam sind“, sagt sie. „Manche schon, aber eben nicht alle.“
Für sie spielt soziale Prägung eine große Rolle. „Schon als Kinder wird uns beigebracht, dass es nur einen Weg gibt zu lieben: Du verliebst dich, heiratest, und das war’s. Aber dieser Weg passt nicht zu jedem. Und das muss er auch nicht.“
Ihre Haltung ist klar: Es gibt nicht den einen richtigen Weg zu lieben. Wer versteht, dass Menschen unterschiedlich empfinden und leben, schafft mehr Raum für Mitgefühl und Ehrlichkeit, unabhängig davon, ob man monogam oder polyamor lebt.
Herausforderungen und Erfüllung in der Polyamorie
Polyamorie ist komplex und verlangt Offenheit, Zeit und emotionale Reife. Doch für Hayley überwiegen die positiven Seiten. „Das Schönste an Polyamorie ist für mich, dass ich ehrlich zu mir selbst und zu meinen Partnerinnen und Partnern sein kann“, sagt sie. „Es geht darum, mein Leben ehrlich und bewusst zu leben, ohne Teile von mir zu verstecken.“
Durch ihre Erfahrungen hat sie gelernt, Verletzlichkeit als Stärke zu begreifen. „Man lernt viel über sich selbst“, sagt sie. „Es gibt Momente des Unbehagens oder der Traurigkeit, aber sie bringen Erkenntnisse über Selbstwert, Grenzen und Mitgefühl.“
Polyamorie ist, so Hayley, nicht für alle das richtige Modell. Aber die Prinzipien, die ihr zugrunde liegen – Ehrlichkeit, Empathie und Kommunikation – sind universell und können jede Beziehung bereichern.
Hayleys Rat für alle, die Monogamie hinterfragen
Für alle, die sich fragen, ob Polyamorie zu ihnen passt, hat Hayley ein paar Tipps. „Frag dich zuerst: Warum? Sei ehrlich zu dir selbst – was ist deine Motivation? Versuchst du, etwas zu kompensieren oder willst du herausfinden, wer du wirklich bist und was dich erfüllt? Und dann: Geh es langsam an. Nimm dir Zeit. Es gibt keinen Grund zur Eile.“
Wissen und Vorbereitung sind für sie entscheidend. „Lies, hör zu, sprich mit anderen, die diese Beziehungsform leben. Lerne, ehrlich über Bedürfnisse, Grenzen und Konsens zu sprechen“, rät sie.
Mit The Poly Pocket bietet Hayley einen sicheren Raum, in dem Menschen voneinander lernen und sich austauschen können. Ihr Ziel ist es, diese Gespräche zu normalisieren und Ängste abzubauen.
Fazit: Liebe neu denken
In einer Zeit, in der Beziehungen vielfältiger sind als je zuvor, ist Hayley Folks Geschichte ein Spiegel gesellschaftlicher Entwicklung. Es geht ihr nicht darum, Traditionen zu verwerfen, sondern Liebe weiterzudenken, als etwas, das durch Ehrlichkeit, Vertrauen und Kommunikation wächst.
Polyamorie ist für sie keine Absage an Verbindlichkeit, sondern eine bewusste Entscheidung für Authentizität. Und genau das ist die Botschaft, die bleibt: Jede Beziehung, ob monogam oder polyamor, braucht dasselbe Fundament. Vertrauen. Respekt. Und den Mut, sich wirklich zu öffnen.
FAQ: Häufige Fragen zu Monogamie und Polyamorie
Was ist der Unterschied zwischen Monogamie und Polyamorie?
Monogamie bedeutet, eine exklusive Beziehung mit nur einer Person zu führen. Polyamorie beschreibt die Fähigkeit oder Entscheidung, mehrere Menschen gleichzeitig romantisch zu lieben – offen, ehrlich und mit gegenseitigem Einverständnis. Beide Modelle können funktionieren, wenn sie auf Vertrauen und Kommunikation basieren.
Ist Polyamorie nur etwas für Menschen, die viel Sex wollen?
Nein. Polyamorie ist keine sexuelle Orientierung, sondern eine Beziehungsform, die auf emotionaler Tiefe und bewusster Verbindung basiert. Viele polyamore Menschen führen langfristige, stabile Beziehungen, die auf Vertrauen, Nähe und Achtsamkeit aufbauen.
Kann eine Ehe in einer offenen Beziehung funktionieren?
Ja, wenn beide Partner dieselben Werte teilen und offen miteinander kommunizieren. Hayley Folk und ihr Mann leben seit Beginn ihrer Beziehung ethische Nicht-Monogamie. Für sie ist dies kein Bruch mit Verbindlichkeit, sondern eine andere Form davon.
Wie geht man in polyamoren Beziehungen mit Eifersucht um?
Eifersucht ist normal. Entscheidend ist, wie man damit umgeht. In polyamoren Beziehungen wird Eifersucht häufig als Anlass für Gespräche, Reflexion und Nähe genutzt. Kommunikation und gegenseitiges Verständnis sind dabei der Schlüssel.
Ist Monogamie überholt?
Nicht unbedingt. Monogamie bleibt für viele Menschen ein erfüllendes Modell. Was sich verändert, ist die Annahme, dass sie die einzige Option ist. Immer mehr Menschen entdecken, dass auch andere Formen von Liebe ehrlich, respektvoll und tief sein können.
Wie finde ich heraus, ob Polyamorie zu mir passt?
Frage dich, warum dich das Thema interessiert und welche Bedürfnisse du wirklich hast. Lerne, lies, sprich mit Menschen, die diese Lebensform kennen. Wichtig ist, ehrlich zu sich selbst zu sein und offen mit dem Partner oder der Partnerin zu kommunizieren.
Über Hayley Folk
Hayley Folk ist eine US-amerikanische Autorin, Redakteurin und Content Creatorin aus Brooklyn, New York. Seit fast zehn Jahren lebt sie in einer ethisch nicht-monogamen Ehe. Als bisexuelle und polyamore Frau teilt sie auf ihrer Plattform The Poly Pocket ihre Erfahrungen, gibt Einblicke in moderne Beziehungsmodelle und fördert den offenen Dialog über Vertrauen, Sexualität und Selbstbestimmung. Ihre Texte erscheinen regelmäßig in Magazinen wie Cosmopolitan, Refinery29 und Women’s Health, immer mit dem Ziel, Vorurteile abzubauen und mehr Bewusstsein für Liebe in all ihren Formen zu schaffen.

Mehr von Hayley: Instagram: @hayley.folk / @thepoly.pocket